Heute möchte ich Euch gerne ein bisschen über HDR Fotografie erzählen. HDR steht für High Dynamic Range und ist eine Technik, um Motive mit sehr hohem Kontrastumfang (annähernd) so darzustellen, wie sie das menschliche Auge wahrnimmt.

Wozu HDR?

Ihr kennt die Problematik möglicherweise – ihr wollt einen wundervollen Sonnenuntergang einfangen und steht vor der Wahl, den Himmel in all seiner Farbenpracht darzustellen und im Vordergrund nur dürftig ausgeleuchtete Silhouetten zu zeigen oder den Vordergrund korrekt darzustellen und dann die Details im Himmel zu verlieren. Das gleiche Problem ergibt sich, wenn man Innenräume fotografiert und gleichzeitig den Innenraum als auch die Welt vor den Fenstern zu zeigen versucht.

Wie nehme ich HDR Fotos auf?

Das Prinzip ist simpel. Man macht 2 oder mehr Aufnahmen mit unterschiedlichem Lichtwert, in diesem Fall also unterschiedlicher Belichtungszeit (eine sog. Belichtungsreihe) und setzt sie anschließend zusammen. Die Helligkeit der Fotos mit Blende oder ISO zu steuern ist definitiv nicht empfehlenswert, da hierdurch die Tiefenschärfe bzw. das Bildrauschen in den Aufnahmen unterschiedlich ausfallen und so die Qualität des finalen Bildes leidet.

Moderne Kameras bieten dem Fotografen die Möglichkeit, die Belichtungsreihe automatisiert aufzunehmen. Wie genau das geht, lest ihr am besten in der Bedienungsanleitung Eurer Kamera nach. Man spricht bei dieser Funktion von „Bracketing“ – Nikon kürzt die Funktion mit BKT ab, Canon mit AEB. Ihr müsst dann nur auswählen, aus wie vielen Fotos die Belichtungsreihe bestehen soll und wie weit die Belichtung der einzelnen Aufnahmen auseinanderliegen soll. In der hellsten Aufnahme sollten die dunklen Bereiche des Bildes gut sichtbar sein, in der dunkelsten Aufnahme sollten die hellen Bereiche gut sichtbar sein. Die Anzahl der insgesamt erforderlichen Bilder hängt vom Motiv und von Eurer Kamera ab. Selbstverständlich solltet Ihr auch hier die Fotos im RAW Format aufnehmen um das Optimum herauszuholen.

Beim Musterbild am Anfang des Artikels habe ich mit einer 3er Belichtungsreihe gearbeitet – hier die unbearbeiteten Aufnahmen (alle ISO 200, 17mm, f 9.0, Bild 1 1/640, Bild 2 1/2500, Bild 3 1/160)

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

Normal belichtet

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

Unterbelichtet

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

Überbelichtet

Wie füge ich die Fotos zusammen?

Zum Zusammensetzen der Aufnahmen kann man z.B. Lightroom oder Photoshop verwenden. Für optimale Ergebnisse empfehle ich ‚Photomatix‘, eine spezielle Software für diese Technik, die nicht teuer aber sehr ausgereift ist, sehr ressourcenschonend läuft und gleichzeitig eine Unmenge an Features bietet. Das Programm kann online auf https://hdrsoft.com/ erworben werden. In der Trialversion kostet das Programm überhaupt nichts und man kann das Ganze einfach einmal ausprobieren. Das fertige HDR Foto ist dann allerdings mit einem Wasserzeichen ‚verziert‘.

In Photomatix hat man zunächst die Möglichkeit die Ausrichtung der Bilder zu korrigieren, wenn man kein Stativ zur Verfügung hatte und um dadurch entstandene „Geisterbilder“ zu korrigieren. Denn, ist das Motiv nicht komplett statisch, passen die einzelnen Bilder nicht genau aufeinander, wodurch Fragmente auf dem finalen Bild entstehen. Hier eine Ausschnittsvergrößerung eines in Prag aufgenommenen Fotos, auf der das Phänomen sehr gut zu sehen ist:

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

HDR Bild(ausschnitt) ohne Geisterbildkorrektur

Bei der Geisterbildkorrektur in Photomatix markiert man die betroffenen Bereiche und die Software beseitigt das Problem schnell und relativ zuverlässig. Nur der Herr in der Mitte hat dann doch den Kopf verloren, weil ich in der Eile beim Markieren etwas geschlampt hatte:

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

HDR Bild(ausschnitt) mit Geisterbildkorrektur

Wie intensiv soll’s denn sein?

Im nächsten Schritt hat man unterschiedliche Presets (die sich mittels Schiebereglern individuell anpassen lassen) zur Verfügung, die sich im Wesentlichen durch die Art der HDR Erstellung unterscheiden. Es gibt einerseits das sogenannte „Tonemapping“ und andererseits die Funktion „Exposure Fusion“. Tonemapping neigt allgemein eher dazu, den HDR Effekt vordergründig darzustellen, während Exposure Fusion ein weniger „aufdringliches“ Endresultat liefert. Das Foto am Anfang des Beitrags ist mithilfe der Exposure Fusion Funktion entstanden. Hier ein auf der Rax aufgenommenes Beispielfoto mit Tonemapping:

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

HDR Bild erstellt über die Tonemapping Funktion von Photomatix

Wofür Ihr Euch entscheidet, bleibt Eurem Geschmack überlassen. Es liegt in der Natur der Sache, dass HDR „Neulinge“ dazu neigen, den Effekt zu übertreiben. Das ging zumindest mir so, und dem Vernehmen nach bin ich nicht der Einzige. Hier ein Beispiel einer krampfhaft übertriebenen HDR Aufnahme aus meinem Fundus (aufgenommen in Kotor/Montenegro):

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

HDR Bild erstellt mit übertriebenem Tonemapping und Halos

Sogenannte Halos (englisch für Heiligenschein) rund um die Gebäude und die Bergkette im Hintergrund sind ein sicheres Anzeichen einer ausufernden HDR Bearbeitung.

Die Bedeutung von HDR

Die Technik ist in ihren Grundzügen überraschend alt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts setzte Gustave Le Gray Landschaftsbilder aus 2 Negativen zusammen. Um das Jahr 2000 herum erlebte die HDR Fotografie einen regelrechten Boom. Heute haben viele Kompaktkameras und Smartphones eine HDR Automatik, die mal bessere und mal schlechtere Resultate liefert. Moderne Bildsensoren haben bereits einen so großen Dynamikumfang, dass HDR Aufnahmen aus Belichtungsreihen nur noch einen kleinen Vorteil gegenüber einer einzelnen Aufnahme bieten. Die ausgearbeitete Version des ersten Bildes aus der Belichtungsreihe des Beispielfotos am Anfang des Beitrags (aufgenommen mit einer Nikon D810) sieht zum Beispiel so aus:

Shooting in Action – Tipps und Tricks rund um Fotografie und Bildbearbeitung auf Einstellungssache. Credit: Martin Schiffer

Diese Einzelbelichtung ohne HDR ist aufgrund des modernen Sensors mit hohem Dynamikumfang schon sehr nahe am HDR Bild.

Wie Ihr sehen könnt, ist der Unterschied zum HDR Bild marginal. Trotzdem verwende ich die Technik immer noch gerne, um das Optimum aus Architektur- und Landschaftsmotiven herauszuholen.


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